
Gleis 1 wird besetzt
Dies ist ein Artikel, der im u-boten #809 zur Gleisbesetzung erschien:
Am 9. Juni 2010 nahmen im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks etwa 1.500 SchülerInnen, Auszubildende und Studierende an einer Demonstration in Freiburg teil.
Nach einer Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge startete der Demonstrationszug über die Rempartstraße zum Bertoldsbrunnen in die Innenstadt, wo es weitere Redebeiträge gab. Danach zogen die Demonstranten weiter über die Kaiser-Joseph-Straße, am Rektorat der Uni Freiburg vorbei, bis zum Bahnhof, wo etwa 300 Demonstranten spontan das Gleis 1, welches für den Fernverkehr genutzt wird, friedlich besetzten. Als die BesetzerInnen das Gleis freiwillig räumen wollten, bildete die Polizei einen Kessel und nahm die Personalien aller im Kessel befindlichen Personen auf. Schon davor kam es vonseiten der Polizei vereinzelt zu gewaltsamen Übergriffen und Festnahmen.
Die Reaktionen auf diesen Akt zivilen Ungehorsams waren gemischt, während Teile der Öffentlichkeit die als notwendig empfundene Radikalisierung des Protestes begrüßten, stieß die Aktion bei anderen auf Unverständnis.
Einige Stimmen, meist von Menschen, die die Aktion nicht mit eigenen Augen miterlebt haben, warfen den Protestierenden vor, sich und andere zu gefährden. Jedoch war dies zu keinem Zeitpunkt der Fall. Obwohl die Aktion spontan war, wurde das Gleis erst betreten, nachdem durch Information der Deutschen Bahn über die Geschehnisse sichergestellt war, dass die betroffenen Züge standen.
Außerdem gab es Kommentare, die die unnötige Beeinträchtigung Unbeteiligter durch den Protest anprangerten. Dazu gibt es nur eins zu sagen: Ein Protest, der die Öffentlichkeit nicht erreicht, also in keiner Form in das öffentliche Alltagsgeschehen eingreift, ist kein Protest und wird auch keine Wirkung erzielen. Und manchmal muss ein Protest auch für sogenannte „Unbeteiligte“ unbequem sein. Denn wer kann sich denn unbeteiligt nennen, wenn es um die Bildung geht, das einzige Mittel für die Jugend gleiche Zukunftschancen und Beteiligung in der Gesellschaft als mündigeR BürgerIn zu erreichen?
Wer im Allgemeinen den Protest und das Engagement der SchülerInnen, Studierenden und Auszubildenden gutheißt, aber sobald der Ausdruck dieses Engagement und dieses Protests ihn/sie in irgendeiner Weise tangiert, die Nase rümpft, offenbart für uns eine Scheinheiligkeit in seiner/ihrer Unterstützung. Die Aktion war mit Sicherheit weder gegen die Deutsche Bahn noch gegen ihre Fahrgäste gerichtet, sie war ein Mittel, unseren Unmut über die vielen Lippenbekenntnisse der Politik auszudrücken.
Vor einem Jahr gingen im Rahmen des ersten Aktionstages des Bildungsstreiks bundesweit 270.000 Menschen gegen soziale Selektion, Entdemokratisierung und Ökonomisierung im Bildungswesen auf die Straße. Doch erst mit den Hochschulbesetzungen im Herbst, die nur in die eigenen Vorlesungsabläufe eingriffen, traten einige Themen des Bildungsstreiks deutlich in die Öffentlichkeit. Dabei wurde in den Medien aber fast nur die „Bologna-Reform“ behandelt. Studiengebühren und die schulpolitischen Forderungen des Bildungsstreiks wurden ignoriert.
Anstatt den Problemen entgegenzuwirken, haben sich die PolitikerInnen die Verantwortung gegenseitig zugeschoben oder auf die Presse ausgerichtete Veranstaltungen, wie die Bolognakongresse, organisiert. Durch diese Farceveranstaltungen hat es die Politik wieder einmal versucht der Öffentlichkeit mithilfe der Medien vorzugaukeln sie ginge auf die Anliegen der Bildungsstreikenden ein. Jedoch war es nur ein weiteres Beispiel dafür, wie in Pseudoverhandlungen junge, mündige und engagierte Menschen immer wieder vorgeführt wurden.
Vielen an den Protesten Beteiligten wurde klar, dass sich mit Öffentlichkeitsarbeit alleine nichts ändern wird. Die Forderung, nicht nur Öffentlichkeitsarbeit durch „Latschdemos“ zu machen, sondern auch Druck aufzubauen, wurde lauter. Aus dieser Stimmung heraus entstand wohl auch die Gleisbesetzung.
Letztendlich muss in diesem Fall zwischen Mitteln und Zielen unterschieden werden: Die Gleisbesetzung war eindeutig ein Mittel zum Ziel, nämlich eine bessere, eine freie Bildung auf allen Ebenen zu erreichen. Dass eine solche Gleisbesetzung keine konstruktive Art und Weise ist sich mit dem Thema auseinanderzusetzen ist allen Beteiligten bekannt; ebenso, dass hier der direkte Bezug nicht sofort erkennbar ist. Wird aber ein genauerer Blick auf die Aktion geworfen, so ist festzustellen, dass die Gleisbesetzung der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit diente und die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Themas herausstellen sollte. Mitunter braucht es eben, um eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Zielerreichung überhaupt erst zu ermöglichen, hartnäckigere Mittel. Wer nicht gehört wird, muss sich bemerkbar machen.
[Der Bildungsstreik lebt von der Vielfalt seiner Aktivist/inn/en. Jede/r ist eingeladen seine Ideen und Positionen miteinzubringen. Komm einfach zu einem von unseren regelmäßigen Treffen:
montags 19 Uhr Treffen des Freiburger Bildungsstreik-Bündnis (u-asta, wenn im Internet nicht anders angekündigt)
donnerstags 20 Uhr Treffen des Bildungsstreik-Plenums der Uni Freiburg (u-asta)]